Die Einwanderungsgesellschaft

Die Kommission aus Expertinnen und Experten einer parteinahen Stiftung hat 2018 ein „Leitbild für die Einwanderungsgesellschaft“ vorgestellt. Für welche Einwanderungsgesellschaft denn? fragt der unaufgeklärte Zeitgenosse. Geht es um Kanada oder um welches Land, das sich zum Einwanderungsland erklärt hat, geht es? Ein paar Zeilen weiter fällt es ihm wie Schuppen von den Haaren: Es geht um Deutschland! Die deutsche Gesellschaft ist zwar meines Wissens nie expressis verbis zur Einwanderungsgesellschaft verklärt worden, da aber bisher ganz schön in die deutsche Gesellschaft eingewandert worden ist, muss man doch wohl von einer Einwanderungsgesellschaft sprechen können dürfen, oder?

Der Argumentation der Experten und Expertinnen der vorliegenden Studie zufolge verleiht nicht nur die Tatsache, dass eingewandert worden ist, der deutschen Gesellschaft zwangsläufig die Bezeichnung Einwanderungsgesellschaft, sondern die Tatsache der Einwanderung zieht auch selbstverständlich die Verpflichtung nach sich, weiterhin konsequent zum Einwanderungsgeschehen zu stehen. Einmal Einwanderungsgesellschaft – immer Einwanderungsgesellschaft! Ist ja auch wahr, wenn man s´recht bedenkt. Man kann nicht mir nichts dir nichts eine gut funktionierende und öffentlich gefeierte und geschaffte Einwanderung plus Willkommenskultur einfach stoppen. Die oben genannten Experten setzen sich die Aufgabe, das den Leuten auch klar zu machen. Denn es ist ja oft so, dass die Leute das nicht sehen, was ihnen klar vor Augen liegt. Man muss es ihnen erst klar machen. Das, was einem klar vor Augen liegt, kann man sehen und verstehen, man kann es aber auch sehen und nicht verstehen. Ja, man kann es auch überhaupt nicht sehen, das gibt ´s auch. Zu viel Nähe trübt die Sicht. Da setzt die Aufgabe der Klarmacher ein.

Hell dringt uns der Ruf der scheidenden Ministerin für Integration ins verstopfte Ohr. Sie ruft nicht etwa „Scheiden tut weh“, sie ruft: „Integrieren tut not“. Sie erklärt auch gleich, wie sie das meint: „Herkunft darf kein Schicksal sein!“ Das ist jetzt natürlich eine sehr mythische Aussage. Wir versinken in tiefes Nachdenken. Die Herkunft soll nicht ein Los, ein Verhängnis, ein Unglück sein. Also wenn du zum Beispiel ein Indianer bist, dann ist das kein unglückliches Schicksal, sondern reiner Zufall. Oder wenn du aus einer Familie von Ölmillionären stammst, das ist auch Zufall und darf dir nicht angelastet werden. Es geht natürlich meist nicht um eine glänzende Herkunft, die kein Schicksal sein darf – das ist ein anderes Thema- nein, es geht um die Herkunft von Menschen, die buchstäblich nichts haben außer ihrer Herkunft. Da ist es nun die Aufgabe der Integration, deren lastende Herkunft in eine unbelastete Zukunft umzuwandeln. Das ist natürlich ein Prozess und dazu braucht man nicht nur eine Bereitschaft der Dahergekommenen sich der neuen Situation anzupassen, man braucht vor allem einen Bewusstseinswandel bei den Alteingesessenen. Denn nur durch die Bereitschaft der Alteingesessenen, die Dahergekommenen zu integrieren, kann das Zugehörigkeitsgefühl der Dahergekommenen entwickelt werden und die Schicksalhaftigkeit ihrer Herkunft in die Glückhaftigkeit ihrer Zukunft umgewandelt werden. Dafür brauchen wir keine Leitkultur, wie manche meinen, wir brauchen ein Leitbild, sagt die scheidende Ministerin. Die Leitkultur lege nämlich fest, wer dazu gehöre und wer nicht, sagt die Ministerin. Das Leitbild dagegen denke inklusiv und partizipativ, sagt die Ministerin. Tiefe Sätze, ja partizipatiefe Sätze, deren Partizipatiefe kaum auszuloten ist, deren moralischer Anspruch aber einleuchtet. Gegen inklusiv denkende Leitbilder lässt sich schlecht etwas dagegen sagen.

Die Vielfalt ist jedenfalls das, was uns eint, und nicht etwa die Einfalt. Viele bestehen leider einfältig auf dem, was uns trennt, anstatt vielfältig zu sehen, was uns eint. Denn die Einwanderer sind Menschen wie du und ich und wir müssen sie dort abholen, wo sie stehen oder sitzen. Sie kommen uns eigentlich auf jede Weise entgegen. Da verlangt es der pure Abstand, dass wir dem frohgemut entgegen sehen. Und wir brauchen die Gleichheit in der Vielfalt, die Schulen zum Beispiel brauchen keine Sonderprogramme für Einwandererkinder, sagen die Experten, die Lehrer müssen aus ihrem Trott herauskommen und die Fähigkeit entwickeln, mit Vielfalt umzugehen. Wir müssen alle nicht auf dem bestehen, was uns trennt, sondern wir müssen angesichts der Vielfalt der Ankommenden deutlich hervorkehren, was uns eint. Nicht umsonst singen wir doch: Einigkeit und Recht und Freiheit. Überhaupt Fußball. Das sind doch Dinge, zu denen wir alle ja sagen können. Natürlich muss dann auch in der Nationalmannschaft die Nationalhymne mitgesungen werden. Von allen. Aber nicht unbedingt sofort. Es darf jedenfalls nicht sein, dass ein Spieler die Nationalmannschaft verlassen muss, bloß weil er die Nationalhymne nicht kann. Das ist kein gelungenes Beispiel für Integration. Da soll sich der Trainer mal an die Brust schlagen. Und wir auch. Solange man sich an die Brust schlägt, besteht Hoffnung.

 

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