Reimzeit

In der zweiten Jahreshälfte 2020 wird meine neues Buch "Reimzeit" erscheinen. In diesem Buch habe ich zahlreiche satirische Gedichte zusammengetragen. Im Folgenden stelle ich hier schon einmal das Vorwort ein:

Vorwort oder Eingangskolumne

Guten Abend, verehrte Leserinnen und Leser!

Ich freue mich, dass Sie an diesem heutigen Abend Zeit und Muße gefunden haben, sich auf meine Verse einzulassen und hoffe auch, dass Sie mir eine Zeitlang auf den Versen bleiben. Wenn im Augenblick nicht Abend sein sollte, macht ´s auch nichts. Reimzeit ist eigentlich immer.

Aber heute ist wieder mal allerhand ungereimtes Zeug in der Welt passiert! Man kann sich zwar seinen Reim drauf machen, aber wird’s dadurch besser?

Ja, möchte ich sagen. Eine gereimte Welt ist eine bessere Welt!

Wir müssen nicht alles einfach so hinnehmen, wir können uns was dabei denken, wir können es anders sehen, wir können träumen und reimen. Das ist immer besser als zu sagen: Mir doch egal! Da mach ich mir nichts draus!

Ah, was für eine Freiheit! Besteht die Freiheit in Taten, die nichts bringen, oder in Worten, die nichts nutzen und daher allgemein als Handlungs-, Meinungs- und Redefreiheit zugestanden werden? Eine alte Menschheitsfrage, die immer wieder neue und schöne unbefriedigende Antworten findet.

Doch wenn man schon die Welt nicht ändern kann, soll man sie wenigstens so benennen und beschreiben dürfen, wie es einem passt. Das ist sozusagen ein Menschenrecht. Und tatsächlich sieht die Welt oft gleich ganz anders aus, wenn wir sie nach Lust und Laune benennen, was natürlich nicht heißt, dass sie dann anders ist. Sei ´s drum! Wir können träumen. Im Traum herrscht die absolute Freiheit.

Brave new world!

Der schreibende Mensch nutzt seine Freiheit aus. Schamlos manchmal. Ein dickes Buch ist ein dickes Übel, befand schon vor geraumer Zeit der alexandrinische Dichter Kallimachos. Heute türmen sich in den Buchhandlungen die Übel, die die Freiheit der Schreibenden hervorgebracht hat. Je dicker der Band, desto seller das Buch! Immerhin lassen sich dickleibige Bücher hervorragend als Briefbeschwerer verwenden, was allerdings in einer Zeit, in der kaum Briefe geschrieben werden, ein relativ blasser Vorteil ist. Das vorliegende Büchlein dagegen ist, wie das Diminutiv andeutet, kaum dazu geeignet, Briefe zu beschweren. Das ist nur einer seiner Mängel. Wenn Sie hineinkucken, werden Sie sicher noch andere Mängel feststellen und sich selbst beschweren.

Die Mangelhaftigkeit der Welt festzustellen ist ja eine Lieblingsbeschäftigung von uns Deutschen, der wir mit von edlem Pflichtgefühl und unbestechlicher Wahrheitsliebe geprägter Gründlichkeit nachkommen.

Aber auch die Mangelhaftigkeit der Welt zu vervollkommnen, wird von vielen durchaus als postmoderne Schlüsselaufgabe angesehen. Vieles, was sich bewährt hat, wird allein deswegen aufgegeben, weil es zu wenig mangelhaft ist.

Aber ich komme ins Plaudern und vom Hundertsten ins Tausendste. Wenn man den Leser und erst recht die Leserin ins Vertrauen zieht, kann es einem schon mal so gehen, dass man sich verplaudert. Man legt dem geneigten Leser oder noch lieber der zugeneigten Leserin den Arm um Leib und Seele und redet das Blaue vom Himmel herunter.

Und dann ist Abend und man sitzt im Mondschein am Brunnen vor dem Tore unterm Lindenbaum und redet vertraulich miteinander über Gott und die Welt.

Gerne redet man ja auch um die Sachen herum. Ich denke, dass es gerade ein Zeichen von Vertrauen ist, um die Sachen herumzureden. Die Sachen, über die man redet, sind oft weniger wichtig als der Mensch, mit dem man redet. Oder? Das weiß ich jetzt auch nicht so genau. Aber die Sachen, um die man herumredet, lassen es zu, dass man nicht Farbe bekennen muss. Man kommt überhaupt besser miteinander zurecht, wenn man sich allzu knalliger Farbgebung enthält.

Ich muss allmählich doch darauf zu sprechen kommen, dass es sich bei diesem Büchlein um etwas handelt, was nicht jedermanns Sache ist und jederfrau auch nicht. Es bleibt dem Autor nichts anderes übrig, als mit einer gewissen Schamröte auf den vielfältigen Wangen zu bekennen, dass er dabei ist, Ihnen, verehrte Leser*innen, ein Gedichtsbuch unterzujubeln. Nein, kein Geschichtsbuch, das ginge ja noch an, aber ein Buch mit Gedichten, die überdies noch meist gereimt sind, über den imaginierten Ladentisch zu schieben, das ist schon eine recht zudringliche Handbewegung, die der allgemeinen Billigung nicht unbedingt ausgesetzt ist und leicht auf kein Echo stößt.

Gedichte stehen zwar im Ruf, sensible Frauenherzen zum Klingen zu bringen, aber die Gedichte müssen auch danach sein. Die Frauenherzen übrigens auch. Ob diese Gedichte Klinggedichte für Frauenherzen sind und ein Echo hervorrufen, das sich gewaschen hat, das zu behaupten würde ich nicht wagen. Aber der Autor weiß immer am wenigsten. Auch das von hoher poetischer Verantwortung getragene Versemachen kann in die Irre führen. Wie vieles ist schon per Vers in Wege geleitet worden, die nirgendwo hin führten.

Wenn ich jetzt zudem noch eingestehe, dass diese poetischen Produkte weniger dem Gefühl als dem Gedanken geschuldet sind und cum grano salis gewürzt sind, habe ich fast Lust, mutlos zu werden und lautlos die Flinte ins Korn zu werfen. Glücklicherweise ist aber erst Frühling und kein Getreide reift. Das lässt mich dann doch die Unsinnigkeit einer solchen Handlungsweise einsehen und wieder Mut schöpfen.

Nun muss sich alles, alles wenden!“ hat einst ein Dichter gerufen. Darauf vertraue ich und wende mich ebenfalls, nämlich an Sie, liebe Leserinnen und Leser.

Aber wie ich mich auch drehe und wende, die rings um mich und meinen Schreibtisch sich dehnende Leere und Lautlosigkeit bedrückt mich schon ganz schön.

Wo seid ihr denn, liebe Leserinnen und Leser? Hallo! Ist niemand da?

Ach ja, ist ja klar! Wenn wir einen flüchtigen Blick aufs Zeitgeschehen werfen, fällt uns auf und ein, dass wir in Zeiten von Corona leben. Da gilt es einen Mindestabstand einzuhalten.

Somit ist der verträumte Autor in seinem stillen Kämmerlein ganz allein auf weiter Flur. Keine Sterbensseele, die ihm ermunternd auf die Schulter klopft und ihm „Es wird schon werden!“ zuflüstert. Er ist in einer verdammt verlassenen Lage in dieser unserer Zeit. Zumal wenn er sich nicht zur digitalen Generation rechnen darf und demgemäß mit keinem einzigen verdammten Follower im sagenhaften Internet rechnen kann.

Aber was soll er tun, wenn es über ihn kommt und er unter sich kuckt aufs weiße Papier, das nach Versen lechzt, und der poetische Puls klopft wie einst im Mai?

Manche machen sich Mut und behaupten: Früher ging ´s doch auch!

Der Autor schiebt alles auf die Muse. Das war früher ja auch so. Der Autor ist den inspirativen Einflüsterungen der Muse ausgesetzt. Wer schreibt, handelt in höherem Auftrag und trägt nicht die Verantwortung, schon gar nicht die alleinige.

Nicht verhehlt werden soll, dass dem Autor daran liegt, nicht nur Menschen und Dinge klar und deutlich zu benennen, sondern auch guten und vor allem billigen Rat zu erteilen. Diese Raterteilung entspringt nicht dem Besserwissen des Autors, wovon er trotz gegenteiliger Erfahrungen auch keineswegs überzeugt ist, sondern ist der natürlichen Reimhaftigkeit seiner Kunstausübung, seinem satirischen Blickwinkel auf Zeit und Traum und überhaupt seinem der Ironie und dem Spott zutiefst verpflichteten Weltverbesserungsanliegen geschuldet.

Der Dichter macht sich seit je seinen Reim auf alles, was da so ist. Gereimte Sachen machen mehr Spaß und finden leichter Glauben. Der Leser braucht sich nicht selber seinen Reim auf die Welt zu machen. Und Reim und Rat gehören seit Menschengedenken zusammen wie Tun und Tat, nicht wahr. Wer raten will, reimt.

Noch eine kurze Bemerkung zu Reim und Wahrheit. Im Reim liegt Wahrheit, hat immer wieder ein Großonkel von mir damals glaubhaft versichert. Oder sagte er: Im Wein liegt Wahrheit? Egal! Wenn ich mein frühkindliches Reimen in Betracht ziehe, lässt sich kaum daran zweifeln, dass Reim und Wahrheit einander nahe stehen.

Wenn ich, in der Küche auf dem Schoß meiner Oma sitzend, die Welt draußen vorm Fenster mir reimend zu erschließen versuchte, sah meine Oma mich liebevoll an und sagte: Reimereißer! Worauf ich, fröhlich bestätigend, ausrief: Bochsescheißer!

Eine Bemerkung zu Umwelt und Klima, für deren Belange einzutreten der Autor sich durchaus berufen zu fühlen geneigt ist, sollte nicht unterdrückt werden.

Der Autor erklärt sich für geneigt, ja sogar bereit, mit Klang und Rat oder sogar mit Klingeln und Rad schützend durch die Umwelt zu streifen und für ein gutes Klima auf die Pedalen zu treten und lädt jedermann und jedefrau dazu ein, ihm dabei auf den Versen zu bleiben.

Und nun schließe ich einfach die Augen und stelle mir vor, dass Sie bereit sind, sich auf die geheimen Offenbarungen des Autors einzulassen, liebe Leser*innen, und vor literarischer Geneigtheit und blühender Leselust und grenzenloser Neugier geradezu strotzen. Lassen Sie sich also vertrauensvoll auf das ein, was der Autor nicht auslassen konnte! Natürlich könnten Sie auch auslassen, auf was der Autor sich eingelassen hat. Verzeihung, ob dieses und künftiger Kalauer!

Und auch wenn Sie auf gelegentliche Seichtheiten stoßen, lassen Sie es sich nicht verdrießen. Die Wahrheit ist nicht immer tiefgründig. Auf der Oberfläche des Lebens tummeln sich ´ne Menge Wahrheiten. Sie sind zwar oft etwas platt, aber auch platte Wahrheiten können einem ganz schön unter die Arme greifen..

Wenn Sie also nun wirklich da sein sollten, liebe Leserin, lieber Leser, so wie ich Sie mir vorstelle: In Ihrem geschmackvoll eingerichteten Gemach weilend, das Büchlein in Ihren feingliedrigen Händen haltend, sich zum geneigten Lesen ausgesprochen angesprochen fühlend, wenn dem also so wäre- und warum sollte dem nicht so sein- sähe ich mich für alle meine tief angelegten Gedankengänge, wetterleuchtenden Geistesblitze, kühnen Inspirationen und mit sanftem Spott dargebotenen Welterklärungen unheimlich belohnt und spräche heimlich und leise, aber voll vernehmlich und möglichst einvernehmlich: Danke! Danke! Danke!

 

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