Leseprobe: Der Dachs singt

Leseprobe: "Der Dachs singt"

In letzter Zeit hört man öfter, dass der Dachs singt. Und es sind meist vertrauenswürdige Personen, seriöse Herren in dunklen Anzügen und mit Kravatte, die das mit ernster Miene behaupten. Als ich es zum ersten Mal hörte, konnte ich mich eines leisen Auflachens nicht erwehren. Inzwischen lache ich nicht mehr. Denn es ist offenbar etwas Besorgniserregendes. Es scheint ein Vorzeichen kommender Katastrophen zu sein. Eine Art Menetekel. Vielleicht schlimmer als die drohenden Signale des Klimawandels. So wie sich früher vor Kriegen und Seuchen Kometen mit leuchtendem Schweif am Himmel zeigten. Heute singt der Dachs.
Die ernsthaften Herren, die im Fernsehen auftreten, stützen ihre Behauptung mit Zahlen und Tabellen, die ich zwar nicht verstehe, die aber auf schlimme Entwicklungen hinzudeuten scheinen.
Nun habe ich allerdings noch keinen getroffen, der persönlich und mit eigenen Ohren gehört hätte, wie der Dachs singt. Sie haben es alle nur von anderen gehört, dass der Dachs singt. Und da muss man ja doch so seine Zweifel haben. Ich jedenfalls bin keineswegs völlig davon überzeugt, dass der Dachs singt. Aber ich halte es für möglich, dass der Dachs singt.
Natura non facit saltus, hat man früher gesagt. Die Natur macht keine Sprünge. Aber all diese unverbrüchlichen Wahrheiten und kugelsicheren Behauptungen sind in unserer Zeit, die sich dem ungebremsten CO 2- Ausstoß und anderen Globalisierungseffekten hemmungslos verschrieben hat, hinfällig geworden. An was soll man noch glauben?
Stumm wie ein Fisch, hat man früher gesagt. Das ist auch nicht mehr wahr. Die Wale und Delphine sollen auch so eine Art Gesang haben. Und wer weiß, was die Schollen vor sich hin murmeln.
Der Schwan zum Beispiel soll ja auch singen. Ich kenne zwar auch keinen, der das gehört hat, aber man spricht ja vom Schwanengesang. Und zwar schon seit so langer Zeit, dass da auch etwas dran sein muss. Der Schwan soll ja singen, wenn er stirbt. Vielleicht ist es beim Dachs auch so.
Die Rufe und Laute mancher Tiere sind uns ja vertraut und sie stören uns nicht, wenn wir nicht gerade von einem unverdrossen krähenden Hahn unsere frühmorgendliche Nachtruhe behelligt finden. Aber wo gibt ´s noch Hähne? Man begegnet ihnen fast nur noch am Spieß und da krähen sie nicht mehr.
Der Ruf der Tiere wird zwar vernommen, aber er ist nicht immer der beste. Andererseits ist der schlechte Ruf, in dem der Wolf seit dem Verschlucken von Rotkäppchen und seiner Großmutter steht, vielleicht nicht so gerechtfertigt, wie uns die Märchenerzähler glauben machen wollen. Und das Lied der Lapplandmeise erklingt über die weiten Ebenen des Polarkreises, ohne dass es einen Elch vom Hocker reißt.
Was will ich damit sagen? Ja, das frage ich mich auch. Man wird ganz verwirrt von all diesen tierischen Lauten. Ich komme jedenfalls dabei der Antwort auf die Frage, warum der Dachs singt und wann er singt und ob er überhaupt singt und was es zu bedeuten hat, wenn er singt, um keine Oktave näher. 

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